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Fehlende Kinderbetreuung: Alleinerziehende unter Druck

In einem digitalen Fachgespräch am 12. Juli untersuchte das Netzwerk Alleinerziehendenarbeit BW mit über 50 Teilnehmenden die derzeitige Situation in der bedarfsgerechten Kinderbetreuung. Immer mehr Kitas reduzieren aufgrund des immensen Fachkräftemangels ihre Öffnungszeiten mit fatalen Folgen für die Alleinerziehenden.

„Ja, ich habe für ca. 6 Monate eine Lösung gefunden, ich fange früher an zu arbeiten und gehe früher. Dafür muss ich einmal im Monat an einem Samstag ein paar Stunden zum Arbeiten kommen. Ich bin sehr froh, dass mein Arbeitgeber das so mitmacht. Sowie habe ich eine coole Familie, die mich da unterstützt.“ 
 
Mit dieser Aussage einer alleinerziehenden Mutter aus Leonberg eröffnet das Netzwerk Alleinerziehendenarbeit BW das digitale Fachgespräch und greift damit die derzeit verschärfte Situation um das Angebot an bedarfsgerechter Kinderbetreuung auf. Immer mehr Kitas reduzieren aufgrund des immensen Fachkräftemangels ihre Öffnungszeiten mit fatalen Folgen für die Alleinerziehenden. Die alleinerziehende Mutter aus Leonberg ist ein Beispiel dafür, wie gemeinsam mit Arbeitgeber und Familie zumindest eine vorübergehende Lösung gefunden werden konnte. Es gibt auch andere Beispiele, deren Arbeitsvertrag aufgrund fehlender Betreuung nicht aufrechterhalten wurde.
 
Gutes Netz ist wichtig
 
Ein bezahlbares, gut funktionierendes Netz aus flexiblen und passgenauen Betreuungsangeboten für Kinder ist wichtig. Es trägt zur Bildungsgerechtigkeit bei, entlastet Familien und ist der Schlüssel zu einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Damit auch von besonderer Bedeutung für die finanzielle Situation und die Eigenständigkeit der Familien. Die Mehrzahl der Alleinerziehenden will ihren Lebensunterhalt selbst erwirtschaften und unabhängiger sein. Das Ziel diese Chance zu eröffnen und den Eltern zu gewährleisten, beruhigt und gut arbeiten gehen zu können, war in der Vergangenheit bereits schwierig. Insbesondere für Alleinerziehende, die in Berufen tätig sind, die keine gängigen Arbeitszeiten (Einzelhandel, Pflege, Kultur, Gastronomie) haben. Derzeit rückt es weit in die Ferne. Anlass für das Netzwerk Alleinerziehendenarbeit BW, die Misere zu beleuchten. Anlass für ca. 50 Teilnehmer*innen bestehend Fachpublikum, Multiplikator*innen bis hin zu Betroffenen hinzuhören und mitzudiskutieren.
 
Offenburger Modell
 
Vorgestellt wurde im ersten Teil des Fachgespräches mit dem „Offenburger Modell“ eine Kommune, die sich ab Sommer 2022 gemeinsam mit verschiedenen Akteur*innen auf den Weg gemacht hatte, nach Lösungen zu suchen. Frau Köllner, Fachbereichsleiterin für Familie, Schulen und Soziales der Stadt Offenburg, berichtet von einem erfolgreichen Prozess und dem Ergebnis einer qualifizierten, stabilen Betreuung in Kooperation mit dem Malteser Hilfsdienst, was sich durch positive Rückmeldung aus den Familien und einer steigenden Nachfrage bestätige. Seit Mai 2023 werden an drei Pilotstandorten rund 60 KiTa-Kinder täglich 7 Stunden durch pädagogische Fachkräfte und im Anschluss daran in einer sogenannten ergänzenden Spielzeit weitere 2 Stunden betreut. Die Spielzeit, die ebenfalls in den Räumen der KiTa erfolgt, gewährleisten dafür qualifizierte Mitarbeiter*innen der Malteser. Das Konzept zeige laut Frau Köllner zudem positive Auswirkungen in Sachen Personalpolitik. Neben einer Entlastung durch ansprechende Arbeitszeiten für Erzieher*innen, die ebenfalls i.d.R. selbst als Eltern unterwegs seien, erfreue man sich an der Zunahme von Bewerbungen. Weitere Standorte für den Ausbau des Modells seien so bereits anvisiert. 
 
Das Projekt RABE
 
Vorgestellt wurde außerdem durch Ursula Zetzmann vom kath. Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit „IN VIA“ das Projekt RABE. Rabe ist ein ergänzendes Angebot zu Kindertageseinrichtungen und zur Ganztagsbetreuung an Schulen für Kinder von Alleinerziehenden. Die Betreuung findet in Randzeiten - früh morgens, spät nachmittags, abends, am Wochenende und an Feiertagen sowie über Nacht statt. Sie erfolgt im Umfeld des elterlichen Haushaltes durch ehrenamtliche qualifizierte Betreuer*innen, sogenannte Kinderfeen und Kobolde. Die passgenaue Vermittlung in die Familien, die Qualifizierung der Ehrenamtlichen, Coaching sowie die Begleitung der Alleinerziehenden übernehmen pädagogischen Fachkräfte.
 
Offene Kinderbetreuung
 
Ein weiteres Beispiel für innovative Betreuungsmöglichkeit präsentierte Daniela Hettich, Leiterin der offenen Kinderbetreuung des Eltern-Kind-Zentrum Stuttgart-West e.V.. Die offene Kinderbetreuung wurde speziell für Eltern konzipiert, die schwierigen Alltagssituationen oder Notsituationen ausgesetzt sind. Das besondere, sie ist daher grundsätzlich nicht zwingend anmeldepflichtig. Eine vorherige Anmeldung erleichtert jedoch die Planung und verhindert bei Auslastung abgewiesen zu werden. Dies sei ggf. notwendig, um immer eine qualitativ hochwertige Betreuung sicherzustellen. Ausnahme sind Kinder deren Eltern, die in „Partner-Firmen“ arbeiten. Partner-Firmen bezahlen einen Jahresbeitrag und sichern sich dadurch einen Betreuungsplatz für die Kinder Ihrer Mitarbeiter*innen. Finanziert wird das das Modell durch diesen Jahresbeitrag, sowie eine Förderung durch die Stadt Stuttgart und entsprechenden Elternbeiträgen.
 
Rechtsanspruch auf Kita-Platz
 
Abgerundet wurde das Ganze durch die Rechtsanwältin Melanie Füllborn aus der Kanzlei im BigPark in Bietigheim-Bissingen, die sich darauf spezialisiert hat, an der Seite von Eltern zu kämpfen. Umfassend erläuterte sie, was der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz, der seit 2013 gesetzlich verankert ist, beinhaltet und was zu tun ist, um ihn durchzusetzen. Sie ermuntert Eltern den Weg zu gehen und dieses Recht durchzusetzen. Ihre Erfahrungen zeigten, wer die Sache angehe, lande (bislang auch immer außergerichtlich) bei dem gewünschten KiTA-Platz. Bei Sorge vor den entstehenden Kosten verwies sie auf Nachfrage auf den Familienrechtsschutz und bei geringem Einkommen auch explicit auf die Inanspruchnahme eines Beratungsscheines über das Amtsgericht und möglicher Prozesskostenhilfe. Die große Schwierigkeit sei jedoch, dass in der Praxis noch immer zu wenig ihrer Kolleg*innen sich diesem Thema widmen. 
 
Im zweiten Teil des Fachgespräches konnte in drei Resonanzgruppen noch einmal mit einzelnen Impulsgeberinnen intensiv in den Austausch gegangen und konkrete Fragen geklärt werden.  
 
In der gemeinsamen Abschlussrunde fanden dann unterschiedliche Statements zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf Raum. Angesprochen wurde z.B., dass „echte Wahlfreiheit“ in Sachen Kindererziehung erst dann möglich sei, wenn es ausreichend gute Angebote in Sachen Kinderbetreuung gäbe. Hingewiesen wurde hier auch auf die unterschiedliche Haltung und Handhabung bezogen auf Bundesländer. Einig war man sich darüber, dass wir derzeit Rückschritte erleben und immer noch in den meisten Fällen Mütter die Leidtragenden sind. Forderungen und Wünsche gibt es in Richtung Arbeitgeber und mehr Familienfreundlichkeit und einer Politik, die Familien endlich ausreichend wertschätzt und danach handelt.